Wandern durch die Region Leipzig – 7 Seen in 24 Stunden

Dass Wandern schon längst kein Rentnersport mehr ist, haben wir dir ja vor kurzem bereits HIER erklärt. Nun war es für mich, also an der Zeit, zu erfahren, wie sich so eine Tour im Rahmen der 7-Seen-Wanderung anfühlt. Ich, das ist Alex vom Team der Region Leipzig.

Meine Fragen an Jan
Die Wanderung

Ganz am eigenen Leib musste ich die Strapazen aber nicht erfahren, denn vor kurzem lernte ich Jan kennen. Jan ist ein netter Typ. Ende 30, zwei Kinder, engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr, sportlich. So sportlich, dass er sich für die 7-Seen-Wanderung die sagenhafte 101-Kilometer-Route ausgesucht hat. Warum, das erklärt er am besten selbst:

Meine Fragen an Jan

14 - Kai (links) in Dreiskau Muckern
Wandern bei schönstem Wetter © Alexander Klich

Jan, Hand auf’s Herz: Wir leben in einer schnelllebigen und hochtechnisierten Zeit. Wandern hingegen ist ein sehr ursprünglicher Sport. Was fasziniert dich denn so daran?

Mir geht es in erster Linie darum, neue Eindrücke zu gewinnen und was zu erleben. Wenn man durch den Wald geht, mit der Natur in Kontakt kommt und auf dem Weg vielleicht Tiere zu Gesicht bekommt, die man sonst eher selten sieht – das hat was. Außerdem reizt mich an längeren Touren der Survival-Charakter, und die Möglichkeit, den eigenen Schweinehund zu überwinden. 

Und wie sieht dein Vorbereitungsprogramm aus?

Profiwanderer werden mich vielleicht dafür auslachen, aber: Ich habe mich nicht auf die Tour vorbereitet. Null. Keine Laufprogamme, keine Ernährungsumstellung. Fairerweise muss ich allerdings dazu sagen, dass ich von Berufs wegen körperlich fit bin und mich auch im Alltag sehr gesund ernähre.

Wo genau wird deine Strecke langgehen und wie lange wirst du unterwegs sein?

Wir haben uns in diesem Jahr die 101 Kilometer lange Dreiländertour ausgeguckt. Die startet in Markkleeberg  und geht auch wieder dahin zurück mit einem Umweg über Zwenkau, Rötha und einem kleinen Teil Thüringen und Sachsen-Anhalt. Der offizielle Startschuss fällt am 06.05. um 18:00 Uhr, wir rechnen damit, die Tour innerhalb von 24 Stunden zu schaffen. 

Wer ist „wir“?

Mein drei Jahre jüngerer Bruder und ich. Wir pushen uns gegenseitig, wenn der jeweils andere schlapp macht. Außerdem motiviert er mich, nicht vorzeitig abzubrechen, damit ich nicht nachher wie ein Waschlappen dastehe.

Eine Herausforderung wird sicherlich auch die euch bevorstehende Nachtwanderung. Wirst du Angst haben?

Nein, Angst werde ich ganz sicher nicht haben. Bei der 70 Kilometer Tour sind wir auch schon die Nacht durchgelaufen,  das war ok. Viel schlimmer ist der tote Punkt, an den man nachts kommt. Man möchte keinen Schritt mehr gehen und nur noch schlafen. Aber das geht vorbei.

Und was bereitet Dir dann am meisten Sorgen?

Eigentlich nichts. Höchstens, dass meine Laufschuhe unbequem werden. Dann wird das Laufen schnell zur Hölle.

Wie motivierst Du Dich unterwegs?

Wie gesagt, mein Bruder spornt mich an. Und die Strapazen sind spätestens beim Zieleinlauf vergessen. Das Glücksgefühl, angekommen zu sein, wiegt alle Strapazen auf.

 

Die Wanderung

Damit ich mich diesen Strapazen nicht selbst aussetzen muss, andererseits trotzdem ganz nah am Geschehen bin, fasse ich einen Plan: Ich besorge mir einen Bus und fange die beiden auf der Strecke an mehreren Punkten ab.

Karte Wanderung_doc

Gesagt, getan, treffen wir uns am Freitag um 16:45 Uhr in Markkleeberg. Die Stimmung ist gelöst, beide sind topmotiviert – noch.  Nachdem wir ein paar kurze Absprachen treffen und Fotos machen, starten die Brüder um 17:30 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in Richtung agra-Park.

01 - Jan (rechts) und sein Bruder Kai vor dem Start
Die beiden Wanderer Kai und Jan. © Alexander Klich
04 - Ausblick Bistumshöhe
Das Leipziger Neuseenland bietet eine traumhafte Kulisse © Alexander Klich

Für mich heißt es nun: Rein ins Auto und ab auf die A38, denn den ersten Kontrollpunkt erreiche ich nur zu Fuß vom Parkplatz bei BELANTIS aus. Anschließend gehe ich zum Aussichtsturm Bistumshöhe an der Südseite des Cospudener Sees. Da ich noch ein bisschen Zeit habe, erklimme ich den Turm und genieße den Wind und den Blick auf das Neuseenland, das von der Abendsonne in goldenes Licht getaucht wird. Um 19:50 Uhr schließlich treffe ich die beiden am 500 Meter entfernten Checkpoint K1. Zu diesem Zeitpunkt haben sie bereits 12,5 Kilometer hinter sich und holen sich die ersten Stempel ab, die an jeder Kontrollstelle vergeben werden. Außer mir warten etliche Freiwillige am Haltepunkt: Geschätzt helfen bis zu 1.000 Ehrenamtliche Mitarbeiter an der gesamten Strecke, die Wanderer zu verpflegen.  Hier werden Jan und Kai mit deftiger Suppe empfangen, Jan gönnt sich zusätzlich Fettbemme mit Fisch.

 

06 - Verpflegung
Bei einer 24-Stunden Wanderung darf die Verpflegung nicht fehlen! © Alexander Klich
07 - Kurze Rast Bistumshöhe
Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es gut gestärkt weiter. © Alexander Klich

Nach einer kurzen Rast, dem obligatorischen Auffüllen der Wasservorräte und einem Check der Füße geht es weiter in Richtung Zwenkau. Ich begleite die beiden bis zur Fußgängerbrücke, die die A38 überquert und sehe ihnen noch einen Moment nach, denn für Sie beginnt nun der wohl schwierigste Teil der Wanderung: Der lange Weg durch die Nacht. Ich hingegen habe es da deutlich einfacher: Zurück am Parkplatz sehe ich BELANTIS in glühendem Abendrot versinken und begebe mich anschließend weiter nach Süden. Durch die Dämmerung fahre ich auf die Landesgrenze Sachsen/Thüringen, wo ich die Brüder am nächsten Morgen erwarten werde. Der Weg dahin ist einmalig: Ich durchquere Mondlandschaften mit schnurgeraden Straßen, eine baumlose Szenerie geprägt durch den ehemaligen schroffen Braunkohletagebau, lasse idyllische Dörfer, deren Namen ich noch nie gehört habe, hinter mir und komme schließlich auf einem Parkplatz am Naturschutzgebiet Haselbacher See zum Stehen. Da ich unbedingt Fotos in der Morgendämmerung schießen möchte und nicht genau weiß, wann die beiden ankommen werden, entschließe ich mich, im Bus zu übernachten. Ich komme schwer zur Ruhe – die Nacht hier ist ganz anders als in der Stadt. Es ist stockfinster, über mir funkelt ein Meer aus Sternen und die Geräusche aus dem angrenzenden Wald sind ungewohnt, überall knackt und pfeift es.

11 - Sonnenaufgang am Haselbacher See
Der Sonnenuntergang bedeutet nicht das Ende des anstrengenden Tages. © Alexander Klich

Während ich mich von einer Seite auf die andere werfe, gibt Jan gegen 03:00 Uhr morgens und 20 Kilometer entfernt sein Abendessen von sich – ein Vorbote des Stresses, dem sich sein Körper ausgesetzt sieht. Die Nacht, die kühl und ermüdend bis in die Knochen kriecht, tut bei uns beiden ihr übriges. Gegen 05:30 Uhr verlasse ich den Wagen und fühle mich wie ausgespuckt. Während ich den nebeligen Haselbacher See im Morgengrauen fotografiere und einem in zwitschernden Aufruhr geratenen Wald lausche, gönnen sich Jan und Kai im nur noch 10 Kilometer entfernten Prößdorf ein ausgiebiges Frühstück.

08 - Weiter über die A38
Gegenseitige Motivation ist alles! © Alexander Klich
09 - BELANTIS in der Dämmerung
Der Vergnügungspark Belantis © Alexander Klich

Mir kommen in der Morgensonne derweil immer mehr Wanderer entgegen, und die meisten sehen wesentlich fitter aus, als ich mich fühle. Dabei haben die schon mehr als 60 Kilometer Fußmarsch hinter sich. Um 07:30 Uhr schließlich treffen wir uns am K8 wieder. Jan ist zu diesem Zeitpunkt schon völlig erschöpft und klagt über Schmerzen in den Waden.  Es nutzt nichts, die Wanderung muss weiter gehen. Zum Glück pflegen die beiden bei jedem Halt ihre Füße ausgiebig, so dass diese bisher, von ein paar kleinen Blasen mal abgesehen, von schlimmerem Übel verschont bleiben. Abermals schaue ich beiden beim Abmarsch hinterher und mache mich auf den Weg zurück zum Wagen. Da unser nächster gemeinsamer Checkpoint ein gutes Stück entfernt ist, nutze ich den Moment und das gute Wetter und fahre einen weiten Bogen. Vorbei an kleinen Fachwerkhäusern und dem pittoresken Volkskundemuseum in Wyhra, vorbei an der imposanten ehemaligen Brikettfabrik Neukirchen, geht es in Richtung Dreiskau Muckern. Das Dorf wäre in den 90er Jahren fast dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen, konnte 1993 quasi in letzter Sekunde gerettet werden und zählt heute als eines der jüngsten und schönsten Dörfer Deutschlands.

 

13 - Fachwerkhaus mit Wildgarten in Dreiskau Muckern
Das Dorf Dreiskau Muckern ist eine von vielen Stationen entlang des Weges. © Alexander Klich

Auf dem Alten Pferdehof (K11) ist unser nächster Treffpunkt. Gegen 11:30 Uhr erhalte ich jedoch den Anruf, dass Jan völlig entkräftet in Lobstädt ausgestiegen ist: Zu dem Zeitpunkt hat er Schüttelfrost und ist übermüdet, durch die fehlenden Regenerationsphasen funktioniert seine Bandscheibe nicht mehr richtig, er hat Rückenschmerzen, Krämpfe in den Waden und Blasen an den Füßen – und ist dennoch glücklich, mit 75 Kilometern seine neue persönliche Bestleistung erbracht zu haben.

12 - Erschöpfung nach mehr als 60 Kilometern
Jan kann auch die geschafften 75km mehr als stolz sein. © Alexander Klich

Sein Bruder Kai indessen ist fest entschlossen, die Strecke zu Ende zu laufen. Er schließt sich einer kleinen Gruppe an, die sich für eine 60 Kilometer Tour entschieden hat, und erreicht um 15:10 Uhr, vorbei an einem malerischen Rapsfeld, den Ortseingang in Dreiskau Muckern. Rein äußerlich ist ihm die Anstrengung kaum anzumerken, Kai holt sich seinen Stempel und ist zuvorkommend und humorvoll wie eh und je – ein Umstand, der nach knapp 90 Kilometern Marsch alles andere als selbstverständlich ist. Das merke ich vor allem, als ich am Checkpoint auf ihn warte und mir etliche Wanderer mit schmerzverzerrtem Gesicht entgegen kommen, manche von ihnen mit bis zum Knöchel verbundenen Füßen, andere mit starrem, ausdruckslosem Blick. Dass die verbleibende Strecke nicht unbedingt leichter wird, merkt man ihm beim Abschied dann doch an. Kein Wunder, die restlichen 13,5 Kilometer bis zum Ziel führen vorbei an den Ostufern des Störmthaler und Markkleeberger Sees. Flache Ebene ohne Schatten, frontale Nachmittagssonne bei knapp 25 °C und gleichzeitigem Wind, der sich nicht mehr nur als Sommerbrise bezeichnen lässt – man kann sich nach 24 durchgelaufenen Stunden angenehmere Settings vorstellen.

16 - Ausblick Markkleeberger See
Die letzten Kilometer entlang der Ufer. © Alexander Klich

Um genau 19:00 Uhr ist es dann doch soweit: Kai erreicht übermüde und überglücklich die Zielzone in Markkleeberg und hat die 101 Kilometer geschafft. Schön ist die Atmosphäre rings um den Zielpunkt: Die allermeisten, die ankommen, strahlen eine stille Ruhe und Zufriedenheit aus, viele haben unterwegs neue Bekanntschaften geschlossen. Die Absolventen der 101- bzw. 108-Kilometer-Tour erhalten jeweils eine symbolische Medaille, vor allem zehren hier aber viele von den unzähligen Eindrücken, die sie am Wegesrand in der Region Leipzig aufgenommen haben.

17 - fast am Ziel in Markkleeberg
Kai schafft es nach 101km ins Ziel! © Alexander Klich
18 - Geschafft
Was für eine Leistung! © Alexander Klich

Übrigens: Die 7-Seen-Wanderung verzeichnete im Jahr 2016 mit 6.115 Teilnehmern einen neuen Rekord, den es im kommenden Jahr zu verteidigen gilt. Dann ganz sicher auch wieder mit Kai, Jan und mir. Diesmal alle zu Fuß.

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