Auf dem Weg zum (Un)Glück? – Das f/stop-Festival 2014 in Leipzig

Wisst ihr noch, was ihr euch zu eurem letzten Geburtstag von eurer Familie und euren Freunden gewünscht habt? Eine schicke Uhr, eine teure Creme oder das neueste Smartphone? Und die wichtigste Frage: Haben euch eure Geschenke glücklich gemacht?

Der Suche nach dem Glück, nach dem wir alle sicherlich streben, widmete sich das 6. f/stop-Festival für Fotografie in Leipzig. Unter dem Motto „Get lucky!“ betrachteten vom 7. bis 15. Juni 2014 fünf Ausstellungen die moderne Konsumgesellschaft – gesellschaftkritisch, selbstkritisch und manchmal auch mit einem Augenzwinkern. Ich habe das Festival genutzt, um das erste Mal die Leipziger Baumwollspinnerei zu besuchen, und war daher nicht nur von den Fotografien sondern auch von der einzigartigen Atmosphäre der Location beeindruckt.

Unterwegs in der Leipziger Baumwollspinnerei ©Sabine Fischer
Unterwegs in der Leipziger Baumwollspinnerei ©Sabine Fischer

Schon als ich auf den Hof der Leipziger Baumwollspinnerei fahre, fühle ich mich in eine ganz andere Welt versetzt und bekomme sofort Lust, selbst kreativ zu werden und ein paar Fotos zu schießen. Auf dem Weg zum Eingang der Ausstellung, vorbei an unzähligen Galerien und Ateliers, bieten sich immerhin unzählige Motive. Als ich in den Ausstellungsräumen ankomme, habe ich Glück: Es sind noch nicht so viele Besucher unterwegs und die nächste Führung beginnt gerade. Unser Guide ist eine Studentin der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Erster Stopp: Die Arbeiten von Beni Bischof. An einer riesengroßen Wand hängen unzählige Fotografien des Schweizers bunt durcheinander, darunter auch das Titelbild des Festivals. Neben mir betrachten zwei Mädchen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, mit Ihrem „Kinder-Guide“ die Fotos. „Was sollen denn die ganzen Finger und Würstchen da?“, wundert sich eine der beiden und stellt dabei genau die richtige Frage. Indem Beni Bischof Werbeanzeigen, die makellose Models zeigen, mit den Fingern durchstößt oder Würstchen und allerlei Fleisch darauf platziert, zerstört er das perfekte Bild, das die Werbeindustrie uns vorgaukeln soll. Die Idee soll ihm im Flugzeug gekommen sein. Beim Betrachten des Bordmagazins und der wunderschönen Menschen in den Werbezeigen überkam ihn die Lust, diese Perfektion zu zerstören. Einen Stift hatte er nicht, es blieben ihm seine Finger für diese Aufgabe.

Beni Bischof: Überall Finger und Würstchen ©Sabine Fischer
Beni Bischof: Überall Finger und Würstchen ©Sabine Fischer

Auch die Arbeit von Anna Witt „60 Minutes Smiling“ hat mich beeindruckt. Die Künstlerin hat sich ein ganz normales mittelständisches Unternehmen herausgesucht und die Mitarbeiter gebeten, 60 Minuten zu lächeln und ihre Pose beizubehalten. Herausgekommen ist ein Video, bei dem man sich fragt, ob die Menschen noch lächeln oder schon die Zähne fletschen. Verständlich… Versucht selber mal, das durchzuhalten! Übrig bleibt die Frage, ob mir beim Shoppen eine mittelmäßig gelaunte, aber authentische oder eine krampfhaft lächelnde Kassiererin lieber ist.

Mein Highlight der Ausstellung ist jedoch die Serie „Available for Sale“ von Julian Röder. Habt ihr euch schon einmal so richtig über das Gedränge beim Schlussverkauf geärgert? Ich kann euch beruhigen: Verglichen mit der Eröffnung der damals größten Mediamarkt-Filiale in Berlin 2007, war das sicherlich ein Kindergeburtstag. Immerhin gab es dort 20% auf alles! Julian Röder hat sich den „Spaß“ gemacht, dieses Spektakel fotografisch zu dokumentieren. Das Ergebnis: Fotos von einem Gedränge, wahrscheinlich kurz vor der Massenpanik, von angstverzerrten Gesichtern der Angestellten, die die Menschenmassen (erfolglos) in Schach halten sollen, und von gestressten Kunden, ganz ihrem Urinstinkt unterworfen, nämlich Jagen und Sammeln. Meiner Meinung nach ein Werk, das die Kritik an der modernen Konsumgesellschaft auf den Punkt bringt.

Julian Röder: Massenandrang bei Media Markt ©Sabine Fischer
Julian Röder: Massenandrang bei Media Markt ©Sabine Fischer

Schon jetzt bin ich überwältigt von all den Eindrücken. Denn die Werke der anderen Künstler regen ebenso zum Nachdenken und Diskutieren an. Zusammen mit den Hintergrundinformationen unseres Guides bekommt jedes einzelne Bild eine besondere Bedeutung. Die Führung ist im Handumdrehen vorbei.

Für mich geht es in der Ausstellung f/stop Print weiter. Hier werden unterschiedlichste Aufnahmen aus Magazinen gezeigt, jedoch in Form einer klassischen Fotoausstellung und aus dem „Magazin-Kontext“ gerissen. So entsteht eine ganz neue Bedeutung. Promis werden zu normalen Menschen, Modefotos erscheinen mehr denn je realitätsfern. Als ich zum Schluss die Magazine betrachte, denen diese Fotos entnommen wurden, kann ich kaum glauben, wie sehr Layout und Bildtexte die Bedeutung des Fotos verändern.

Zum Schluss schaue ich noch in der Ausstellung „Sacrifice Your Body“ des US-amerikanischen Künstlers Roe Ethridge vorbei. Kernthema ist die totale Selbstaufopferung in dem Streben nach Perfektion. Vielfältige Motive, die ihren Sinn erst auf den zweiten Blick preisgeben…

All die Eindrücke muss ich erst einmal verarbeiten. Außerdem füllen sich die Ausstellungsräume langsam aber sicher mit Fotografiefans jeden Alters. Die restlichen Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskussionen müssen leider ohne mich stattfinden. Eines ist jedoch sicher: Beim nächsten f/stop-Festival bin ich auf jeden Fall wieder dabei.

Autorin und Fotos: Sabine Fischer

Sabine arbeitet seit März 2014 bei der LTM. Sie ist Assistentin der Geschäftsführung sowie Ansprechpartnerin für Marktforschung und betreut die Märkte Ost-/Zentraleuropa sowie Nordeuropa. Am liebsten verbringt sie ihre Zeit mit Freunden und Familie oder auch mit einem guten Buch. Außerdem liebt sie es, immer wieder neue Winkel in Leipzig zu entdecken.

Weitere Informationen:
Leipzig Tourismus und Marketing GmbH
Augustusplatz 9
04109 Leipzig
Tel. +49 (0)341 7104-340
Fax +49 (0)341 7104-211
j.jahnel@ltm-leipzig.de
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2 Kommentare

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