#Mein Leipzig: Eine Stadt der Muße

Heute ist Samstag. Ich sitze im Volkshaus in der Karl-Liebknecht-Straße. Ich wurde zum Frühstück eingeladen und konnte mir aussuchen, wo es hingeht. Hier gibt es Frühstück bis 14 Uhr, helle Plätze drinnen und draußen, auf Wunsch mit voller Sonne, und Wlan.

Zufrieden lasse ich nach der individuellen „Frühstücksbowl“ meine Blicke und Gedanken über den Freisitz schweifen… Es ist Anfang April, aber die Sonne meint es gut, wir haben sommerliche 20 Grad. Die ersten Blätter sprießen an den Bäumen, und die Cafégäste halten ihre Sonnenbrillen ins Licht. Nebenan auf dem Gelände der Feinkost habe ich vorhin halb Leipzig beim Flohmarkt gesehen. Ich gucke auf der Webseite nach dem nächsten Termin – immer am Anfang eines Monats. Die Stände sind bis September komplett ausgebucht, lese ich. Und: „Jede Mail wird früher oder später beantwortet.“ Auch schön. Ich muss schmunzeln.

Flohmarkt auf der Feinkost. © Philipp Kirschner

Leipzig ist eine Flohmarktstadt.  Im Sommer natürlich mehr als im Winter, aber in Leipzig wird übers Jahresende „durchgetrödelt“, und die dunkle Jahreszeit ist die Zeit der Nachtflohmärkte. Jetzt, kaum, dass die ersten Sonnenstrahlen locken, strömen die Neugierigen in Scharen auf die Second-Hand-Märkte auf Industriebrachen, Hinterhöfen, in Parks und Gärten. Über Leipzigs Stadtgrenzen hinaus bekannt ist der agra-Flohmarkt, der jedes letzte Wochenende im Monat auf dem früheren Veranstaltungsgelände einer Landwirtschaftsausstellung stattfindet.

Flohmarkt auf dem Agra-Gelände. © Daniela Neumann

Er kostet nichts und bietet jedem etwas: Bücher, Schaukelpferde, Nussknacker, Technik und Teddys, Münzen und Mützen. Wer nichts kaufen will, kann Fotos machen oder sich mit einer frischen Vanillecremewaffel, die es so sonst nur noch auf dem Weihnachtsmarkt gibt, irgendwo hinsetzen und die Leute beobachten oder über vergangene Zeiten sinnieren. Unter der Woche kann man als Büchernarr seiner Stöberlaune auch mitten in der Leipziger Innenstadt nachgehen. In der „Antiquariatsmeile“ in der Ritterstraße reihen sich vier Antiquariate: die Bücherinsel Jens Förster, das Leipziger Antiquariat, das Antiquariat an der Nikolaikirche, das Antiquariat Thieme.

Wer keine Lust auf Bücher (oder Menschen) hat, kann sich im Museum der bildenden Künste (MdbK) tolle Bilder anschauen. Das Museum verfügt über eine breite Sammlung an Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen europäischer Künstler, von Alten Meistern bis Neue Leipziger Schule. Vorteil Nummer 1: Es gibt Sitzplätze! Man muss nicht mit schmerzenden Füßen die Bilder ablaufen, sondern kann sich Zeit nehmen, sich hinsetzen und über Caspar David Friedrichs „Lebensstufen“ nachdenken oder sich fragen, was den drei Frauen zur „Blauen Stunde“von Max Klinger durch den Kopf geht.

Leipzig: MdbK, Ausstellungseröffnung Delacroix/Delaroche. © Bertram Kober

Seit 2018 werden die Bestände des Museums digitalisiert. Den Anfang macht die Sammlung der Maximilian Speck von Sternburg Stiftung. Der Kaufmann Maximilian Speck von Sternburg hatte im 19. Jahrhundert durch sein Engagement im Leipziger Kunstverein und durch Schenkungen die Museumsgründung wesentlich gefördert. Sein Erbe Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg kehrte nach 1990 nach Leipzig zurück und sicherte durch die Gründung der Stiftung den offiziellen Verbleib der Sammlung seines Vorfahren im Museum. Ich habe ihn vor einigen Jahren selbst einmal eine Gruppe Interessierter durchs Museum führen sehen.

Für sein Engagement für die Kunst erhielt er 2005 die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig. Ich klicke mich durch die MdbK-Sammlung Online. Allein zum Suchwort Leipzig gibt es über 600 Treffer! Auf Seite 5 höre ich auf… dann doch lieber direkt im Museum anschauen.

Das Museum der bildenden Künste von außen. © Robin Kunz

Das moderne, 2004 eröffnete Museumsgebäude im Zentrum der Stadt ist weit und ruhig, die Räume groß. Das ist angenehm, die Straßen der Stadt sind ja doch recht dicht bebaut. „Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge“. Mir fällt der Osterspaziergang ein. Goethe was here. Vor der Alten Handelsbörse steht sein Denkmal.

Das Goethe-Denkmal vor der Alten Handelsbörse. © Huang Liang

Zurück zum Museum: Eine Eintrittskarte, die gleichzeitig Tagesticket ist, kostet 10 Euro. Vorteil Nummer 2: Mit dem Tagesticket kann man an einem Tag mehrfach in das Museum gehen! Das heißt, man kann z.B. beim größten Kuchenbuffett der Stadt in der Milchbar Pinguin nebenan eine Museumspause genießen. Damit wird auch ein Regentag in Leipzig zu einem besonderen Erlebnis.

Leckeren Kuchen gibt es direkt nebenan in der Milchbar Pinguin. © Daniela Neumann

Hatte ich gerade an Kuchen gedacht? Ich bestelle mir ein Stück Bienenstich. Unter dem Nebentisch leert ein brauner Setter dankbar den bereitgestellten Wassernapf. Apropos dankbar… auf der Jahnallee westlich der Leipziger Innenstadt gibt es tatsächlich eine Dankbar. Sie befindet sich in einer ehemaligen Fleischerei von um 1900. Man sitzt vor Wänden mit hübschen, noch originalen historischen Kacheln unter einem Deckengemälde aus Glas. Darauf geben sich Kuh, Schaf, Ziege und Schwein im Art-deco-Stil ein Stelldichein. Alte Fleischerhaken dienen als Garderobe.

Ich folge in Gedanken der Jahnallee, der früheren alten Handelsstraße Via Regia, weiter nach Westen. Hinter dem Elsterflutbecken findet sich auf der linken Seite das Café Eigler mit schönem Jugendstil-Wintergarten. Von dort kann man im Sommer und im Winter, vielleicht bei einem Stück Spinatkuchen, hinüber in den Palmengarten blicken, eine Parkanlage im englischen Stil. Noch weiter hinaus in Leutzsch, in der Georg-Schwarz-Straße, habe ich im letzten Winter das S1 Vinyl & Kaffee entdeckt. Der kanadische Besitzer ist Schallplatten-Fan und liefert seinen Gästen „snacks and drinks and good vibes“ sowie „Wohnungsgefühl“.

Leckeren Kaffee gibt es im S1 Vinyl & Kaffee in Leutzsch.

Die Sonne ist inzwischen herumgewandert und scheint mir direkt ins Gesicht. Ich muss mit Sonnenbrille weiterschreiben. „First I was reading a book“, höre ich laut vom einem der anderen Tische, „and then, I was reading again“. Der Hinterhof vom Volkshaus hat sich gefüllt, nicht nur mit deutschsprachigen Gästen. Die Leipziger von heute sind zum größten Teil „Zugezogene“. Auch für mich ist Leipzig die gewählte Heimat. Oder hat Leipzig mich gewählt?

Die ersten Minuten in der Stadt in den achtziger Jahren sind mir bis heute unvergesslich. Die Stadt empfängt jeden, der kommt, mit Wohlwollen und bietet jedem, der es möchte, Raum und Inspiration. Und die, die bleiben, geben etwas zurück: Sei es Wolf-Dietrich Freiherr Speck von Sternburg oder der aus Brandenburg stammende Inhaber der Dankbar als auch der Kanadier im S1 Vinyl und Kaffee (wofür steht eigentlich das S1?).

Park- und Stadtführerin Daniela Neumann.

Auch ich habe vor einigen Jahren eine Möglichkeit gefunden, der Stadt bzw. ihren Bewohnern etwas zurückzugeben. Ich bin Park- und Stadtführerin. Ich liebe Leipzig, und ich liebe es, draußen zu sein. Meine Rundgänge sind keine klassischen Stadtführungen, sondern sie widmen sich dem Besonderen: der wenig bekannten Geschichte von Leipziger Parks, dem Leben interessanter Leipziger Frauen. Viele Ideen schwirren noch in meinem Kopf: Ich freue mich darauf, sie zu verwirklichen. Leipzig ist ein toller Ort für Ideen. Ob es an der Geschichte der Stadt liegt? Zu den Messen sind schon seit Jahrhunderten „Fremde“ in die Stadt gekommen, die Neues mitbrachten. Die Leipziger sind offen und ohne Allüren. Das mag ich.

Einer meiner Stadtrundgänge führt uns auch in den geschichtsträchtigen Leipziger Palmengarten.

„I think everyday was an interesting day“, klingt es von nebenan und ein zögerliches „Bezalen?“ folgt. Der durstige Hund  ist schon gegangen. Auch ich nähere mich dem Ende meiner Aufzeichnungen. Die Sonnenbrille brauche ich noch, aber die Sonne ist schon nicht mehr so stark. Mal die Wörter zählen: 1054. Na, wer sagt´s denn… 800-1000 sollten es sein. Ich muss an den Spruch von Lene Voigt denken: „Scheen isses, wänn een de Musen manchesmal freindlich umschmusen, un vom Olymbe sein Drohn losschtärzt de Inschbirazion“. Ich bin zufrieden mit „de Inschbirazion“ für heute.

Lene Voigts humorvolle, in sächsischem Dialekt festgehaltenen Alltagsbegebenheiten waren in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts außerordentlich populär, danach geriet sie für Jahrzehnte in Vergessenheit. Es ist ein Verdienst des Kabaretts Academixer, dass ihre Texte heute wieder präsent sind. Die Kabarettisten ließen ihr zu Ehren 2011 ein Relief anfertigen und unweit ihrer Spielstätte aufhängen. Am Relief ist eine Vase – da sind fast immer Blumen drin. Die Leipziger sagen „Danke“.

Auch ich bedanke mich bei der Bedienung für die gute Versorgung in den letzten Stunden. Es war schön. Ein bisschen frisch ist es geworden. Mein Rad wartet.

Foto: Daniela NeumannDaniela Neumann, Stadtführerin

Daniela Neumann ist Park- und Stadtführerin. Mit „Entdeckt in Leipzig“ vermittelt sie Wissenswertes, Interessantes und Schönes aus Leipzig für Leipziger und solche, die es waren, oder die es werden wollen.

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2 Kommentare

  1. Danke für deine nette und informative Vorstellung meiner Heimatstadt, die ich auch sehr liebe, nicht zuletzt wegen ihrer Menschen, den Ur-Leipzigern, und allen sympathischen Neu- oder Wahl-Leipzigern. Zur nächsten Palmgartenführung sind wir dabei :), liebe Daniela!

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