Unterbrechen, durchwachsen, überbrücken. Im Gespräch mit Magdaléna Šipka.

Magdaléna Šipka ist eine tschechische Dichterin, Pädagogin, Theologin und Aktivistin. Unter anderem hat sie Texte der deutschen feministischen Theologin Dorothee Sölle übersetzt. Im Oktober 2021 verbrachte sie im Rahmen des deutsch-tschechischen Residenzprogramms einen ganzen Monat in Leipzig, um hier schreiben zu können. Premiere des Residenzprogramms fand 2019 zur Leipziger Buchmesse statt, als Tschechien sich als Gastland präsentierte. In diesem Zusammenhang nahmen jeweils fünf Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Tschechien am Programm teil. Im Jahr 2023 feiert die Städtepartnerschaft Leipzig-Brno ihr 50. Jubiläum und bis dahin kann einmal im Jahr jeweils ein/e Autor/in aus Tschechien und Deutschland am Residenzprogramm teilnehmen. Wir haben Magdaléna Šipka gefragt, welche Eindrücke der Aufenthalt in Leipzig in ihr hinterlassen hat.

Magdaléna, kanntest du Leipzig, bevor du hier ankamst?

Ich bin zum ersten Mal hier. Davor habe ich ein Jahr in Marburg und einen Monat in Berlin verbracht. Von Leipzig habe ich schon mehrmals gehört, dass es hier cool ist.

Wie hat dir deine Leipziger Unterkunft gefallen?

Mein Appartement war super, ich hatte einen großen Tisch, an dem ich schreiben konnte. In der Wohnung gab es eine wunderschöne Terrasse, wo man im Sommer genial grillen könnte, aber für mich war es draußen schon zu kalt.

Wie sah deine Tagesroutine aus?

Ich habe mich bemüht, mich selber ein wenig zu strukturieren (schließlich sind wir in Deutschland, lacht). Ich kaufte mir sogar einen kleinen Zettelblock, wo ich meine Wünsche für den jeweiligen Tag aufschrieb. Manchmal machte ich Ausflüge, aber eine typische Tagesroutine gab es nicht. Ich schreibe, wenn mir gerade danach ist, was eigentlich gleich auf dem Weg nach Leipzig im Zug passierte. Ich kam nach Leipzig mit dem Ziel, hier ein komplett neues Buch zu schreiben. Systematisch machte ich mir Zettelchen mit den Personen und den Ereignissen: wann wer geboren wurde, was ich von ihm/ihr weiß. Ich verarbeite Themen, die mir nah sind, aber die in der Literatur selten vorkommen, wie zum Beispiel Polyamorie.

Was war das künstlerische Ziel deines Leipziger Aufenthaltes?

Das Ziel der Literaturresidenz ist es, eine Geschichte zu schreiben, die hier stattfindet. Ich konnte hier sehr viele Eindrücke sammeln, die ich in eine Geschichte umwandelte. Und der Plan ist auch, ein ganzes Buch zu schreiben – ich will das Thema „Frauen in der Kirche“ bearbeiten. Das ist mein eigenes Thema – ich habe Theologie studiert und war in einer feministischen Aktivistinnengruppe tätig, die die Kirche kritisierte. Ich wurde wegen queerer Thematik schikaniert. Das würde ich sehr gerne in einem Roman verarbeiten. Ich freue mich, dass ich diese Themen auf meine Figuren schieben kann und nicht aus einer Ich-Perspektive schreiben muss.

Hat Leipzig dich überrascht?

Ich spazierte nachts oder ganz früh morgens durch die Stadt und beobachtete dabei die kleinen Persönlichkeiten, die hier arbeiten – Putzfrauen, Müllmänner. An Leipzig mag ich, dass wenn ich hier solche Leute treffe, sind sie einfach in Ordnung.

Liest du auch gegenwärtige Autorinnen und Autoren aus Deutschland?

Ja, mich interessieren zum Beispiel Bücher über Polyamorie, was in Tschechien noch nicht so üblich ist. Als Versuch erstellte ich mir sogar ein Profil bei einer Online-Kontaktbörse. Die Leute bezeichneten sich selbst sehr oft als Feministinnen, was ich sehr sympathisch fand. Viele von ihnen gaben an, dass sie sowohl gegenüber monogamen als auch nicht-monogamen Beziehungen offen sind – mir wurde bewusst, dass ich mir das in Tschechien nicht vorstellen kann. Obwohl ich selber eine feste Beziehung habe, sagte ich mir, dass ich gerne jemand treffen würde, der/die zu offenen Beziehungen neigt, da könnten wir uns über die Themen zumindest unterhalten. Am Ende traf ich aber doch keine/n.

 

© Alžběta Procházka. Styling: Maria Schormová.

Es ist Zeit für unsere fünf Leipzig-Standardfragen :)

Dein Leipzig und Kaffee?

Ich muss zugeben, ich war am Anfang von meiner Unterkunft so begeistert, dass ich kaum weg wollte und meine Ruhe genossen habe. Aber ein Café, das mir sehr gefiel, war BROT & KEES am Cospudener See. Das Lokal habe ich entdeckt, als ich mit dem Fahrrad auf dem Rückweg nach Hause war. Den besten Kaffee trank ich allerdings auf der Sachsenbrücke – wir waren dort an einem Sonntagnachmittag, als alle nur so vor sich hin chillten und Käffchen vom Wagen schlürften. Und der Park ist auch sehr schön.

Dein Leipzig und Fahrrad?

Ich konnte in Leipzig ein Fahrrad nutzen und sagte mir, ich würde mir gleich ein secondhand-Fahrrad zulegen, denn die benutzten Räder hier finde ich echt cool. Ich machte viele Ausflüge und konnte dabei sehr gut nachdenken – die besten Ideen kamen während einer Radtour.

Dein Leipzig und Kultur?

Ich habe die Feierlichkeiten des Lichtfestes am 9. Oktober zur Erinnerung an die Friedliche Revolution erlebt. Ich mochte die feierliche Rede und generell die Tatsache, dass hier die Politiker auf solchen Veranstaltungen präsent sind und zu den Menschen sprechen.

Dein Leipzig und Architektur?

Architektonisch haben mich die Höfe am Brühl gefesselt – sie ähneln einem Ufo. Ich mag es, dass hier in der Stadtplanung über die Kompaktheit nachgedacht wird. Obwohl es ein riesiges Einkaufszentrum ist, wirkt der ganze Komplex wie eine integrierte Einheit. Und das auch trotz dessen, dass sich in der unmittelbarer Nähe auch historische Gebäude befinden und verschiedene architektonischen Baustile vorkommen.

Wie wirkte Leipzig auf dich?

In einem Modeladen mit fairen Klamotten aus Baumwolle gab es Kleiderstücke, die nicht unbedingt für schlanke Frauen gedacht waren. Auf der Straße bemerkte ich, wie mutig die Frauen hier ihre Kleidung tragen. In Tschechien fällt es vielen Frauen außerhalb der gesellschaftlichen Norm von Schönheit schwerer, sich selbstbewusst auf der Straße zu präsentieren – in Leipzig mochte ich, dass die Frauen mutig und selbstbewusst sind. Manchmal sieht man, wie anders die Leute aussehen – ein Herr, der in Regenbogenfarben gekleidet war und ein pinkes Körbchen trug. Oder Menschen ganz in schwarz. Einmal lief ich zum Bäcker und hatte meine Pyjamahose an – Stilrichtung „der pinke Puma“ (lacht) – und es war auch in Ordnung. Leipzig ist für mich ein Synonym für die Vielfalt – ich spürte hier ein Stückchen Luxus, Toleranz und eine große Offenheit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Irena Dudová. Sprachliche Unterstützung: Luise Karwofsky.

(Visited 36 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.