Drohnen-Aufnahme der Karl-Heine-Straße im Stadtteil Plagwitz in Leipzig, Freizeit, Szenemeile, Kneipenmeile, Kreatives Leipzig

#Mein Leipzig: Der Wilde Westen

Zugegeben, als Berlinerin – jeboren und uffjewachsen in Mitte – ist Berlin für mich der schönste Fleck der Welt. Andere Städte haben es da oft schwer. Dennoch packte ich direkt nach dem Abi meine buchstäblich 20 Koffer und ging fürs Studium nach Sachsen. Zwar zuerst nach Dresden, aber nach einem kurzen Zwischenstopp in Berlin hat es mich schließlich beruflich nach Leipzig verschlagen. Das ist nun fast 3 Jahre her. Time flies.

Der Leipziger Westen ist meine neue Heimat geworden. © Philipp Kirschner

Die Stadt war mir natürlich keine Unbekannte. Schließlich heißt es ja schon seit einer Weile, Leipzig sei es mindestens genauso szenig, alternativ und lebendig wie Berlin, nur eben entspannter, persönlicher und nicht so überfüllt. So waren meine Vorfreude aber auch Neugierde entsprechend groß. Relativ schnell war mir klar: Genauso ist es! Und daher dauerte es nicht lange, bis ich mich hier pudelwohl fühlte.

Eher durch Zufall und ohne jegliche Ortskenntnis bin ich im Leipziger Westen gelandet, genauer in Lindenau. Und ich muss gestehen: Ich verlasse mein Viertel nur noch sehr selten. Denn hier und im angrenzenden Plagwitz finde ich wirklich alles, was das Leben für mich lebenswert macht. Ich bin gewissermaßen Leipzig-West-Lokalpatriotin.

Der Lindenauer Markt ist der lebendige Mittelpunkt des Stadtteils.

Zehn Gehminuten von meiner Haustür entfernt liegt der Lindenauer Markt. Immer mittwochs und freitags kann man hier allerlei regionales Obst- und Gemüse, Fleisch und Fisch erstehen. Wer davon bereits hungrig geworden ist, kann direkt am Markt im Olea lecker essen. Mediterrane Speisen werden in einer offenen Küche zubereitet und die Weinauswahl ist top. Ich glaube, ich habe bereits so ziemlich jeden Berlin-Besuch mindestens einmal dorthin geschleppt.

Für einen Absacker nach Einkauf und Essen, kann man in das nahegelegene Tante Manfred gehen. Es handelt sich dabei um die Theaterkneipe des Neuen Schauspiel Leipzigs, wo regelmäßig Theateraufführungen, Konzerte und Poetry Slams stattfinden. Hier kann man gemütlich an der Bar sitzen, ein Bierchen schlürfen und sich gleichzeitig über das aktuelle Programm informieren. Wenn man im Sommer draußen sitzen will, geht man in die Bar mit dem wunderbar deskriptiven Namen Links neben der Tanke. Denn links neben der lila Minol-Tankstelle in der Lützner Straße, von denen es deutschlandweit übrigens nur noch vier Stück gibt,  befindet sich (Überraschung!) eine Bar mit einem sehr gemütlichen Außenbereich, in der auch regelmäßig Leipzigs angeblich schwerstes Kneipenquiz sowie eine Lesebühne zu gesellschaftlich aktuellen Themen organisiert wird.

Im Sommer ist der Biergarten Zum Wilden Heinz der Hotspot in Lindenau.

Aber Lindenau kann auch Biergarten! Im Zum Wilden Heinz sitzt man idyllisch im wild wuchernden Garten zwischen Wohnwagen und Laubbäumen. Im Winter verwandelt sich das Ganze in einen Weihnachtsmarkt und in der Holzhütte auf dem Gelände kann man sich nach dem Schlendern mit Glühwein am Kamin aufwärmen. Etwas Besonderes ist das Pizza Lab in der Georg-Schwarz-Straße. Hierbei handelt es sich um eine von Freiwilligen aus aller Welt geführte Non-Profit Pizzeria, die komplett vegan ist und ihre monatlichen Einnahmen größtenteils an lokale Projekte im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Veganismus spendet. Die leckere Pizza kann man sich dabei aus einer Vielzahl an Zutaten selbst zusammenstellen. Essen für den guten Zweck!

Der Innenhof des Tapetenwerks lädt zum Verweilen ein.

Doch nun zum zweiten wichtigen Punkt meiner Lieblingsplätze in Leipzig, denn bisher würde man annehmen, dass ich nur esse und trinke. Die tue ich zwar leidenschaftlich gerne, aber vor allem schlägt mein Herz für Kunst, Kultur und Geschichte.

Dank dem kulturell wahnsinnig reichhalten Leipziger Westen muss ich auch hierfür so gut wie nie mein natürliches Habitat verlassen. Mit Katalogen vergangener Ausstellungen aus aller Welt versorge ich mich im Antiquariat Central W33. Hier muss man allein einmal wegen der aus Bücherstapeln kunstvoll zusammengesetzten Verkaufstheke hin!

Mein persönlicher Leipzig-West-Kulturpfad schlängelt sich dann weiter zum kleinen, aber feinen Henriettenpark. Nach einem kurzen Spaziergang biegt man ab in die Galerie Hoch & Partner, um sich in regelmäßigen Wechselausstellungen zeitgenössische Druckgrafik anzuschauen und vielleicht sogar eigene Kunst zu erwerben. Im Sommer kann man zudem über kleine Flohmärkte auf dem Gelände des benachbarten Tapetenwerks schlendern und danach in der Shredderei einen Kaffee trinken.

Im Museum für Druckkunst stehen viele noch funktionierende historische Pressen. © Philipp Kirschner

Anschließend geht’s vorbei an der imposanten Konsumzentrale – die mit ihrer sachlichen, stromlinienförmigen Bauweise an ein Schiff erinnern soll – ins benachbarte Viertel Plagwitz. Hier ist die Industriekultur allgegenwärtig und monumentale Fabrikgebäude zeugen von vergangenen Zeiten, als Leipzig eine Hochburg der Industrialisierung war. Ein wichtiger Teil davon war das grafische Gewerbe, schließlich galt Leipzig vor allem im späten 19. Jahrhundert als Buchdruck- und Verlagsmetropole. Mehr erfahren über Druck- und Mediengeschichte kann man im Museum für Druckkunst in der Nonnenstraße. Hier lernt man nicht nur viel Interessantes über das immaterielle Kulturerbe Drucktechniken, sondern kann sich selber einmal in der Handhabung der „Schwarzen Kunst“ ausprobieren und z.B. Texte wie zu Gutenbergs Zeit mit einzelnen Bleilettern setzen und anschließend an historischen Pressen drucken.

Die Steintreppe an der Philippuskirche eignet sich perfekt für eine Pause! © Philipp Kirschner

Nach dem Museumsbesuch läuft man am Karl-Heine-Kanal entlang. Diesen hatte Mitte des 19. Jahrhunderts der namensgebende Rechtsanwalt und Industriepionier Karl Heine anlegen lassen und damit Plagwitz‘ Entwicklung zum Leipziger Industrieviertel entschieden vorangebracht. Mit seinen 15 Brücken und vielen Sitzgelegenheiten am Ufer lädt der Kanal zum Verweilen ein und erinnert mit seinen angrenzenden Industriebauten wie dem Stelzenhaus ein wenig an die Hamburger Speicherstadt.

Eine besonders schöne Stelle ist die Steintreppe am Kanal direkt an der Endersstraße. Hier kann man sich mit einem Eis auf die Stufen setzen, die Füße ins kalte Nass tauchen und vor einem idyllischen Panorama mit Kirchturm und Weidenbaum den hier heimischen (und sehr putzigen) Nutrias beim Schwimmen zuschauen. Außerdem bietet der Kanal die tolle Möglichkeit, Leipzig vom Wasser aus mit Kanu oder Ruderboot zu erkunden und die Stadt so aus einer ganz anderen Perspektive kennenzulernen. Industrie-Ambiente zum Abendessen bietet dann das Kaiserbad direkt neben dem Kunstquartier Westwerk. Das Restaurant mit wunderschöner Außenterrasse war einst eine Eisengießerei.

Auf der Karl-Heine-Straße kann man entlang hipper Cafés und kleinen Läden flanieren. @ The lost avocado

Auf dem Rückweg nach Lindenau flaniert man noch die Karl-Heine-Straße entlang. Hier hat man eine riesige Auswahl an tollen Cafés, Restaurant und Bars. Nicht umsonst habe ich am Anfang die Karl-Heine-Straße immer mit der Karl-Liebknecht-Straße verwechselt. Zu meinen persönlichen Favoriten gehört der Salon Casablanca mit marokkanischer Küche und dem besten Pfefferminztee der Stadt. Am Bar-Bermudadreieck der Merseburger/ Ecke Karl-Heine-Straße tut man sich anschließend schwer mit der Entscheidung, ob man zum Feierabendbier ins Dr. Seltsam oder ins Noch besser leben einkehren möchte. Mein Tipp: Nicht entscheiden, sondern einfach zwei Bier trinken! Toll ist auch das Kino der Schaubühne Lindenfels! Hier laufen Filme in OmU im historischen Ballsaal des Gebäudes und im Sommer als Open Air Kino im Pool Garden in der Kammgarnspinnerei.

Der Cospudener See liegt „vor den Toren der Stadt“. © Philipp Kirschner

Ich könnte noch ewig so weiterschreiben und man sieht: Leipzig bietet bereits in nur zwei Stadtteilen eine immense Vielfalt an Kultur, Kulinarik und Natur! Ich genieße es hier zu leben, auch wenn es mich sicher irgendwann in die Heimat zurückziehen wird. Ob ich bis dahin überhaupt jemals den Leipziger Westen verlasse? Wenn, dann nur aus zwei Gründen: Zum Baden am Cossi und um Vinyl-Platten im „Whispers Records“ auf der KarLi zu kaufen. Diese Auswahl findet man nirgendwo sonst.

Foto: Sara OslisloSara Oslislo, Kunsthistorikerin

Sara Oslislo ist Kunsthistorikerin und arbeitet in einem Museum. Sie geht gerne in Ausstellungen und ins Ballett, liebt Italien und spielt leidenschaftlich gerne Play-Station.

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4 Kommentare

  1. OMG, Sara!!!! Hier ist Ulli!
    Wie lange hab ich dich gesucht und nicht gewusst, wo es dich nach unserer Studienzeit in Dresden hin verschlagen hat. Nach Leipzig!!! Wie geil! Wann darf ich dich besuchen kommen? Ich bin derweil wieder in Berlin. Oh man, so lange isses her. Wahnsinn!
    Sorry, dass ich hier schreibe. Aber ich weiß grad keinen anderen Weg dich zu kontaktieren… ^^
    Ich würd mich mega freuen, wenn wir wieder in Kontakt treten!

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