Zu Fuß durch 1000 Jahre

In einer Gasse im Zentrum Leipzigs haben wir uns mit Sebastian Krumbiegel und Peter Schwarz für einen Rundgang durch die tausendjährige Stadtgeschichte verabredet. Genau hier hat alles angefangen.

Wo ist denn die Matthäikirche? Stellt man diese Frage in Leipzig, dann kommen selbst Alteingesessene in Verlegenheit. Kein Wunder, denn die Kirche gibt es nicht mehr. Geblieben ist eine Straße mit dem Namen Matthäikirchhof. Peter Schwarz steht vor einem Gedenkstein, der an die alte Kirche erinnert. Hinter ihm erhebt sich ein großes Gebäude aus DDR-Zeiten. „Genau hier stand die erste Burg, die ‚urbs Libzi‘. In der Feste starb 1015 Eid, der Bischof von Meißen. Die Aufzeichnung über sein Ableben ist die erste urkundliche Erwähnung Leipzigs“, berichtet der studierte Historiker. Hauptberuflich ist er inzwischen als Immobilienberater tätig, doch die Leidenschaft für die Historie Leipzigs hat ihn nicht losgelassen. Der Autor wird noch dieses Jahr den dritten Band seiner Trilogie „Das tausendjährige Leipzig“ veröffentlichen. Von der Burg ist nichts mehr zu sehen, bereits 1224 wurde sie zerstört. Erst in den 1950er-Jahren brachten Ausgrabungen Gewissheit, wo sie sich tatsächlich einst befand.

Mit dieser Route schafft man es zu Fuß durch 1000 Jahre. ©LTM
Mit dieser Route schafft man es zu Fuß durch 1000 Jahre. ©LTM

Keimzelle der Kultur

Den Musiker und „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel und Peter Schwarz hält es nicht lange in der Gasse. „Man geht davon aus, dass sich die Stadt damals auf der westlichen Seite des Zentrums bis hin zum Marktplatz befand. Deshalb sind hier die Straßen auch krumm und schief wie die Fleischergasse oder das Barfußgäßchen. Alles ist gewachsen und nicht nach Plan angelegt“, erklärt der Fachmann.
Dann stehen wir vor der Thomaskirche. Gestiftet wurde sie als Teil des Augustinerklosters im Jahr 1212. Die Mönche führten bis ins 16. Jahrhundert auch die einzige höhere Schule der Stadt: die Thomasschule mit dem weltberühmten Thomanerchor. Ein Ort voller Erinnerungen für Sebastian Krumbiegel, der selbst einst Thomaner war: „Im Chor haben wir zweimal in der Woche in der Kirche gesungen.“ Doch im beeindruckenden Inneren des Gotteshauses mit dem charakteristischen Kreuzrippengewölbe kommt ihm eine andere Erinnerung: „Hier stand lange der Altar aus der Paulinerkirche, die 1968 gesprengt wurde. Meine Eltern wurden davor getraut und auch die goldene Hochzeit haben wir dort gefeiert.“

Einer der Lieblingsorte von Sebastian Krumbiegel in Leipzig: die Thomaskirche ©Stefan Hoyer
Einer der Lieblingsorte von Sebastian Krumbiegel in Leipzig: die Thomaskirche ©Stefan Hoyer

Später Ruhm

Allgegenwärtig ist natürlich Johann Sebastian Bach. Die sterblichen Überreste des großen Kantors ruhen heute im Chorraum. Auf dem Kirchhof steht ein Denkmal, gegenüber befinden sich das Bach-Museum und das Bach-Archiv. „Zu Lebzeiten war sein Verhältnis zur Stadt allerdings schwierig“, berichtet Peter Schwarz. Er sollte mehr lehren, weniger komponieren. Nach seinem Tod reichte es nur für eine ärmliche Bestattung, sodass sein Grab auf dem Johannisfriedhof lange Zeit nicht aufzufinden war. Inzwischen ist seine Bedeutung für die Musik und die Stadt unbestritten.
Weiter geht es über eine Grünfläche zum Marktplatz. Für Sebastian Krumbiegel verbinden sich ganz besondere Erinnerungen mit dem Marktplatz: „1994 hatten die Prinzen hier ein sensationelles Konzert vor 50.000 Menschen. Wir haben die ganze Stadt an dem Abend lahmgelegt! Und heute kommen wir jedes Jahr am 30. April auf dem Platz zu ‚Courage zeigen‘ zusammen, halten die demokratischen Grundrechte hoch und zeigen mit einem riesigen Konzert, dass Leipzig eine weltoffene Stadt ist.“
Nach einem kurzen Abstecher in die Mädler-Passage befinden wir uns im Gewandgäßchen. Vom Gewandhaus und dem bekannten Orchester keine Spur. „Es gab sozusagen schon vier Gewandhäuser in Leipzig. Den Ursprung nahm alles hier, wo jetzt das neobarocke Städtische Kaufhaus, eines der vielen Messehäuser, steht. In dem damaligen Gebäude präsentierten und lagerten die Tuchhändler ihre Waren. 1743 wurde aus dem Tuchboden der erste Konzertsaal. Später wurde im Musikviertel, südwestlich des Zentrums, das Neue Concerthaus gebaut. Nachdem dieses ausgebombt wurde, zog das Orchester in die Kongresshalle am Zoo. 1981 schließlich wurde mit viel Pomp ein Neubau, das Gewandhaus am Augustusplatz, eröffnet. Mit dabei: Sebastian Krumbiegel. „Das ist einfach ein großartiger Konzertsaal, chic, mit klasse Akustik und es passen viele Menschen rein. Ich trete dort immer wieder gern auf!“

Der Historiker Peter Schwarz erklärt die Umbauetappen der alten Universitätsgebäude. ©Dieter Grundmann
Der Historiker Peter Schwarz erklärt die Umbauetappen der alten Universitätsgebäude. ©Dieter Grundmann

Tradition auf Hochglanz

Obwohl gerade einmal hundert Meter zwischen Gewandgäßchen und dem neuen Gewandhaus liegen, können wir es nicht sehen. Dazwischen erhebt sich die gerade erst um-, aus- und neugebaute Universität. 1409 kamen deutsche Gelehrte, die an der Prager Universität ihrer Rechte beraubt wurden, in die Stadt und gründeten die Lehranstalt.
Über den Augustusplatz geht es für uns zur Nikolaikirche. Auch ihre Geschichte reicht bis ins Mittelalter. Doch ihre große Bedeutung und Symbolkraft gewann sie 1989. Montag für Montag kamen hier Menschen zum Friedensgebet zusammen und demonstrierten anschließend friedlich gegen den Unrechtsstaat – beobachtet und drangsaliert von den Behörden. Auch der damals 23-jährige Sebastian Krumbiegel stieß im September zu den Demonstranten: „In der Nikolaikirche zum Friedensgebet war ich aber nicht. Da war kein Rankommen.“ Am 9. Oktober, der in die Geschichte eingegangen ist, kam er erst später ins Zentrum. „Noch am 2. Oktober hatte ich gesehen, wie Menschen niedergeknüppelt wurden. Ich hatte einfach Angst. Es war dann überwältigend, so viele Demonstranten zu sehen, und alles war friedlich geblieben.“
Nächste Etappe unseres Rundgangs ist das Museum der bildenden Künste. „Das ist ein Paradebeispiel für das, was diese Stadt ausmacht: Bürgerengagement. Es gibt hier eine starke Tradition, sich für die Stadt einzusetzen. Auch dieses Museum entspringt so einer Initiative. Mitte des 19. Jahrhunderts übertrug der Kaufmann Adolf Heinrich Schletter seine Kunstsammlung der Stadt. Doch er stellte die Bedingung, dass sie dafür ein Museum errichtet. 1858 wurde es eingeweiht.“ Nach einem langen Interim unter anderem im heutigen Bundesverwaltungsgericht eröffnete 2004 ein imposanter Neubau zwischen Brühl und Marktplatz.

2013 wurde das von Max Klinger begonnene Richard-Wagner-Denkmal durch Stephan Balkenhol vollendet. ©Dieter Grundmann
2013 wurde das von Max Klinger begonnene Richard-Wagner-Denkmal durch Stephan Balkenhol vollendet. ©Dieter Grundmann

Ein Platz für Wagner

Nördlich des neuen Museums befindet sich der Brühl. Wir folgen der Straße nach Westen. Von der historischen Bebauung war nach dem Krieg auf einer Straßenseite nichts mehr geblieben. Sie wird heute dominiert von den Höfen am Brühl. Die Besucher dieser Shoppingmeile schlendern an einer in das Gebäude eingelassenen Tafel vorbei. An der Stelle stand Richard Wagners Geburtshaus. 1813 erblickte er hier das Licht der Welt. Sebastian Krumbiegel lacht: „Mir ist Wagner etwas zu mächtig, zu teutonisch.“ Rund um den 200. Geburtstag des Komponisten kam Bewegung in die Bemühungen zur Würdigung des berühmten Sohns: Der Brühl endet auf dem pünktlich zum Jubiläum neu gestalteten Richard-Wagner-Platz. „Ungefähr hier kreuzten sich übrigens Via Regia und Via Imperii, zwei alte Handelsstraßen. Am Fuß der urbs Libzi‘ entstand so ein florierender Markt, der zur Gründung der Stadt führte.“ Auch ein Denkmal haben die Leipziger Wagner zum Geburtstag 2013 gesetzt. Auf dem Weg vom Richard-Wagner-Platz zum Matthäikirchhof können wir es gar nicht verfehlen.

1000 Jahre Leipzig Höhepunkte

    Ausstellung: „Paul Klee. Sonderklasse, unverkäuflich“
    1. März bis 25. Mai 2015
    Ort: Museum der bildenden Künste

    Ausstellung: „Leipzig Beeindruckt. 500 Jahre Druck- und Verlagswesen“
    28. März bis 4. Oktober 2015
    Ort: Museum für Druckkunst

    Festival: „Leipziger Romantik“
    14. bis 17. Mai 2015
    Ort: Universität Leipzig u. a.

    Ausstellung: „1015. Leipzig von Anfang an“
    20. Mai bis 25. Oktober 2015
    Ort: Stadtgeschichtliches Museum

    Kanuslalom-EM
    28. bis 31. Mai 2015
    Ort: Kanupark Markkleeberg

    Stadtfestspiel „Lipsias Löwen“
    30. Mai 2015
    Ort: Stadtgebiet

    Festwoche: 1.000 Jahre Leipzig
    31. Mai bis 7. Juni 2015
    Ort: Marktplatz

    Open Air: Herbert Grönemeyer
    13. Juni 2015
    Ort: Red Bull Arena

    Festwoche: 850 Jahre Leipziger Messen
    27. Juni bis 5. Juli 2015
    Ort: Neue Messe und Innenstadt

    Festtage: 600 Jahre Universitätsmedizin
    10. und 11. Juli 2015
    Ort: Augustusplatz

    Klassik Airleben: Mendelssohns „Lobgesang“
    11. Juli 2015
    Ort: Rosental

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